Ein Traum…
September 30, 2008
Rückblick: Frühjahr 2008. Ein Mythos liegt im Sterben. Unfähigkeiten in den letzten Jahren haben ihn auf das Totenbett gebracht. Größenwahnsinn, kalte Wirtschaftlichkeit und blasse Buchhalterei haben den Riesen taumeln lassen und zwei Wikinger sowie zwei ehemalige Ikonen des Mythos brachten ihn in bester Zusammenarbeit mit Flexo zu Fall.
Dann wird der letzte Wikinger gefeuert, ein Kroate geholt. Der Mythos zappelt plötzlich wieder etwas. Aber das Herzblut fleißt noch nicht stark genug. Dann die ersten Gerüchte: Der verlorene Sohn kommt zurück. Es macht sich Hoffnung breit wo vorher jegliche Hofnung verloren war. Sollte er wirklich kommen? Er hat ja in Bochum gute Arbeit geleistet, ebenso vorher in Koblenz, zusammen auch noch mit dem Trainer. Ein Indiz mehr. Plötzlich steht es fest. Die Säge ist zurück. DAS Idol einer ganzen Generation, die Leitfigur einer ganzen Region. Alleinige Verantwortung für alles. Der flexible Ex-Wirtschaftsminister sowie der blasse Buchhalter, einst nur Adlatus des Schweizer Sonnenkönigs, treten ab.
Die Konsequenzen sind sofort spürbar. Der Mythos atmet stärker. Der Riese erwacht. Angetrieben von dem Herzblut einer ganzen Region, die plötzlich wieder wie eine Wand hinter dem Riesen steht und ihm den Rücken stützt. Der Riese erhebt sich und es fehlt nur noch ein Schritt.
Ein Sonntag im Mai. Nervosität. Angst. Anspannung. Nichtsdestotrotz ab ins Auto, ein Stoßgebet gen Fritz und auf die Autobahn in Richtung Neustadt.
Musik: Funeral March… Fight Fire With Fire….Into Glory Ride… Into The Eye Of The Storm… Burnin’ Alive… Arise… Angst Ist Nur Ein Gefühl… Allein Gegen Alle…
Am Kreuz Mutterstadt dann die ersten Autos mit Schals, Fahnen und ernst dreinblickenden Menschen. Die Anspannung steigt, aber es macht sich auch Vorfreude und Zuversicht breit. Das alles entscheidende Spiel… Ankunft in Neustadt, Fußmarsch mit danforth zum Bahnhof. Der Bahnhof ist gefüllt mit Rot-Weißen, überall ernste, grimmige, kampfbereite Gesichter. Die S-Bahnen heillos überfüllt. Wir beschließen, mit dem Auto in Richtung Kaiserslautern zu fahre.
Musik: D.A.D… Ansonsten gespenstische Ruhe, die Fahrt durch den Pfälzer Wald über die Dörfer kann einem depressiv machen. Vor allem an einem trüben Sonntag im Mai, wenn die Seele in Aufruhr ist, das Herzblut kocht und alles von 90 Minuten und maximal 14 Männern abhängig ist.
Dank der vorhanden Ortskenntnis finden wir einen schönen Parkplatz, 5 Minuten vom Bahnhof entfernt. Fußmarsch zum Bahnhof. Alles ist in einem Schleier von Rot und Weiß getaucht. Gut, die Kölner tragen ihr Scherflein dazu bei. Kurze Unterhaltungen mit Langhaarigen aus Köln, ein paar Aufmunterungen ausgetauscht und dann: Der Kreisel und Die Treppe. Die Spannung ist greifbar. Soviele Leute habe ich seit 10 Jahren nicht mehr auf dem Weg gesehen.
Der Aufstieg in die Kathedrale der Pfalz, in diesen überdimensionierten Tempel der Lust, vertieft die Trance. Die Straße zum Stadion ist proppenvoll, der Mannschaftsbus soll gebührend empfangen werden. Die junge Mannschaft braucht das Herzblut der 48500, die Kraft muss übertragen werden. Jeder mit Fans gefüllte Bus wird mit tosendem Applaus und lauten Rufen begrüßt. Die positive Spannung ist an jeder Ecke zu Spüren und in diesem Moment wird mir, wie so vielen, in deren Gesichter ich schaue, klar: Das klappt. Heute wird der Riese wieder auferstehen. Heute ist der große Tag, an dem ein Mythos neugeboren wird. Alle Menschen drumherum, selbst ein paar Kölner, die sich in diese Masse verirren, sind absolut gefangen von der Stimmung und der Magie, die in der Luft schwebt.
Die Busse kommen. Erst der Kölner Bus, dann direkt dahinter der des FCK. Clever gemacht von Polizei und Organisation. Die Kölner kommen mit ein paar Pfiffen davon, denn dieser pulsierende, kraftstrotzende Organsimus wendet sich dem Wichtigeren der beiden Busse zu. ein letztes Mal anfeuern, ein letztes Mal Kraft geben und dann geht es ins Stadion.
Der ausverkaufte Betzenberg. Ein Erlebnis, das kein Fußballfan jemals vergessen wird. Wäre ich nicht längst infiziert, hätte es mich an diesem Tag endgültig erwischt. Block 10.3. Westkurve links oben. Links von mir der Blick über die wolkenverhangene Stadt. Trübe Gedanken tauchen auf: Was wäre wenn… Was bliebe dieser Stadt noch? US-Soldaten weg, Pfaff tot, Das Opel-Werk.. Naja. Coca-Cola und die Uni. Was wäre diese Stadt ohne ihren Fußballverein? Eine Pariser Zeitung schrieb einmal: „Viele Städte haben ein Stadion. Der Betzenberg hat eine Stadt.“ Lange wurde er gefürchtet. Man wollte den Roten Teufeln die Punkte per Post schicken. In den letzten Jahren immer mehr zur Lachnummer geworden. Doch in den letzten Spielen flackerte der alte Geist auf. Und nun war die Stunde der großen Invokation gekommen. Ein riesiges Banner wird vor der West hochgezogen. Unzerstörbar. Ganz genau. Ein passendes Motto.
Das Betzelied…
[...] Läuft im Spiel mal nichts zusammen, und es will und will nichts geh’n, so woll’n wir doch geschlossen,hinter uns’rer Mannschaft steh’n,[...]Anpfiff durch Schiri Stark. Aufstellung:
Sippel – Demai, Ouattara, Mandjeck, Lamprecht – Kotysch, Bellinghausen, Lexa, Reinert (76. Jendrisek), Simpson (80. Runström), Ziemer (84. Bohl)
Der FCK ist spielbestimmend, die Kölner bereits aufgestiegen. Sie lassen sich aber nicht hängen und setzen gefährliche Angriffe. Eine Zigarette nach der anderen. Trance. Mein Hals fängt an zu kribbeln. Bin ich das, der da so laut rumschreit? Egal, alle um mich rum schreien. Zwingende Chancen auf beiden Seiten Mangelware.
Halbzeit. Bierchen. Durchatmen. Kurz mal nicht rauchen.
Wiederanpfiff. Kurze Drangphase des FC, aber nach ein paar Minuten sind die Roten Teufel wieder spielbestimmend. Trotzdem immer wieder Konter des FC. 69. Minute, Helmes auf und davon, alleine vor Sippel, schlenzt den Ball an Sippel vorbei, Pfosten. Uff. Durchatmen. Der direkte Gegenzug, Bellinghausen, die alte Kampfsau, tankt sich links durch, flankt, zu kurze Abwehr von wem auch immer, der Ball kommt zu Josh Simpson, der fackelt nicht lange und knüppelt den Ball mit sämtlichem Herzblut und vollem Willen in die Maschen.
Die Westkurve, sowie das ganze verdammte Stadion explodiert. In dem Moment, als der Ball die Linie überquert, fängt es an zu schütten wie aus Eimern.
Fritz-Walter-Wetter.
Kann jetzt noch was schief gehen? Spätestens nachdem Marcel Ziemer nach einer Flanke von Lexa das erlösende 2:0 (hatte sich bei dem Ding da etwa der Berg kurz gehoben?) erzielte und das 3:0 nach feiner Einzelleistung nachlegte, war klar:
„solang’s in Deutschland Fußball gibt, gibt es auch den FCK!“
Der Rest war Freudentaumel, laute Schreie, weinende Menschen und eine Platzstürmung. Bierduschen für die Spieler und den Trainer und Bilder, die ich niemals vergessen werde.
Vielen Dank an die Mannschaft, vielen Dank an Milan Sasic und vielen herzlichen Dank an Stefan Kuntz, der dem Mythos wieder Willen und Leben eingehaucht hat.